„Viele Jahre war ich überzeugt, nicht mehr allzu viel Lebenszeit vor mir zu haben.“

Was meint der eigentlich, wenn er das im Einleitungstext des Bildbands schreibt? Vielleicht kam die Frage so ähnlich beim Durchblättern des Bildbands auf. Ich hätte sie mir jedenfalls gestellt.

Auch wenn das an sich eine sehr lange Geschichte ist, ein Thema, das ein eigenes Buch füllen könnte, vielleicht auch eine ganz andere Art der Erzählung, will ich probieren, hier etwas Licht in diese leicht mysteriös wirkende Erzählung zu bringen. Es fällt mir noch immer nicht leicht, öffentlich darüber zu schreiben. Es fühlt sich für mich wie ein subtiler Schrei nach Mitleid an. Wie der Versuch Profit aus - immerhin dem eigenen - Leid schlagen.

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich hatte in meiner Kindheit, in der Grundschule, ein Erlebnis, bei dem es wohl niemanden gäbe, der behaupten würde, dass es nicht traumatisierend war. Es hatte mit einem älteren Schüler und einer Waffe zu tun. Es war nicht nur traumatisierend, gleichzeitig habe ich leider auch gedacht, dass es am sinnvollsten wäre, niemandem damit zur Last zu fallen und das alles mit mir selbst auszumachen. Woher soll ein verängstigtes, sieben- oder achtjähriges Kind es auch besser wissen?

Für sich alleine schlimm genug, aber vermutlich wäre das einfach irgendwann in Vergessenheit geraten, irgendwo tief im Hirn begraben. Wenn da nur nicht das Leben irgendwann auf die Idee gekommen wäre, eine “spaßige” Wende zu nehmen, die dafür sorgen sollte, dass ich mich daran erinnere, dass ich alle Probleme mit mir selber ausmachen muss.

Ich war noch im Gymnasium, gerade dabei mein Abitur zu machen, als es einen Fall von Krebs in meiner Familie gab. Und wie es das Schicksal so wollte, genau zu der Zeit habe ich an meinem rechten Oberarm eine “Beule” bemerkt. Eine Verhärtung, die da nicht hingehört. Normalerweise geht man damit zum Hausarzt und wird dann halt, wenn nötig, zum passenden Facharzt geschickt. Normalerweise.

Mein Kopf hat entschieden, das nicht zu machen, weil er überzeugt davon war, dass es genug andere Probleme in der Familie gibt, die Aufmerksamkeit brauchen und ich da nicht noch zusätzlich für “Ärger” sorgen sollte.

Ich weiß noch, dass ich damals traurig war, weil ich überzeugt davon war, dass ich nicht mehr alle drei Teile der “Herr der Ringe” Verfilmung im Kino erleben werde. Oder wie ich bei der Musterung war und so getan habe, als könnte ich meine Arme nicht so richtig toll nach oben bewegen, weil sonst hätte die Ärztin ja bemerken können, dass da irgendwas am rechten Oberarm ist. Ich habe auch nie T-Shirts getragen, die so kurz waren, dass man die “Beule” hätte sehen können. Ins Schwimmbad bin ich auch nie. Ich war gut im Verstecken.

Als dann irgendwann der “andere” Krebs in der Familie besiegt war, dachte ich mir: Okay, jetzt könnte ich erzählen, dass irgendwas nicht stimmt bei mir und mir Unterstützung holen. Zum Arzt gehen. Immer am nächsten Tag. Nie heute.

Blöderweise kam dann der Moment, an dem auch diese Option für mich gestorben ist: Ich habe weitere “Beulen” an mir gefunden. Das war dann der Zeitpunkt, an dem mein Kopf entschieden hat, dass es jetzt endgültig zu spät ist. Ich schämte mich dafür, dass ich mir nicht früher Hilfe gesucht habe und war sicher, dass es jetzt sowieso zu spät ist und der Tod in absehbarer Zeit auf mich wartet. Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden. Alles, was ich noch gehofft habe, war, dass das Ende nicht weh tut.

Aber das Ende kam nie. Ich habe auch 20 Jahre später noch “gelebt”. Irgendwann hätte ich wohl stutzig werden sollen. Aber dazu war ich nicht fähig. Und dann kam ein unvorsichtiger Moment meinerseits. Meine Beule wurde entdeckt. Am nächsten Tag wurde ich zum Hausarzt geschleppt. Der hat es sich ca. 30 Sekunden angeschaut, dran rumgedrückt, es hin- und hergeschoben und gemeint: Ein Lipom. Ein gutartiger Tumor. Und die anderen “Beulen” auch. Muss man gar nichts machen, wenn es nicht stört. Ob er sicher sei. Ja, zu 99,9%.

Jetzt könnte man denken, dass dieser Tag der schönste meines Lebens hätte sein können? Aber nein. Leider habe ich dann recht schnell gemerkt, dass ich 20 Jahre meines Lebens mit der Angst bald zu Sterben “überlebt” habe und die Spuren, die dieser Glaube hinterlassen hat, sehr tief sind und mich noch viele weitere Jahre beschäftigen werden.

Kein Studium abgeschlossen, keine Ausbildung gemacht und viele Erlebnisse, die man normalerweise zwischen 20 und 40 Jahren erlebt, verpasst. Das nimmt man nicht einfach so zur Kenntnis und macht weiter, als wäre nichts gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte…

„Ist es nicht langweilig, immer denselben Wald zu fotografieren?“

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Er ist nicht derselbe.“

„Was hat sich verändert?“

„Ich.“

Eine Frage, die ich tatsächlich manchmal gestellt bekomme. Und eine inhaltlich wirklich nachvollziehbare Antwort darauf zu geben, ist nicht ganz so einfach, wie im Zitat. ;)

Wahrscheinlich liegt es ganz einfach daran, dass Zugang und Motivation zur Fotografie so unterschiedlich ausfallen, wie die Menschen selbst es sind. Ich kann mir vorstellen, dass es da draußen viele Menschen gibt, denen es schwer fällt, nachzuvollziehen, wie man es nach Jahren noch spannend finden kann, immer wieder dieselben Motive zu fotografieren. Und wenn es schon dieselben Motive sein müssen, wieso dann nicht wenigstens irgendetwas spannenderes? Etwas spektakuläreres? Wieso Wald, wieso nach Möglichkeit nur Birkenwald? Und vor allem: Wieso am liebsten nur im Nebel?

Vielleicht ist die Antwort doch einfach:
Es gibt mir Sicherheit und Kontrolle. Dinge, die wohl für jemanden mit meiner Geschichte nicht ganz unwichtig sind. Ich kenne meine Wälder, meine Birken und die Motive, die mich dort erwarten. Ich weiß, wann es eine realistische Chance auf Nebel gibt und wann es sich vermutlich nicht lohnt loszuziehen. Und vor allem weiß ich, dass ich mich wohlfühlen werde, wenn ich meine vertrauten Motive mal wieder bei den Bedingungen sehen und fotografieren darf, die sich für mich “richtig” anfühlen.

Und der Nebel? Metaphorisch könnte ich dem jetzt viele Eigenschaften zuschreiben, die ihn für mich nicht nur fotografisch stimmig machen. Vor allem aber gilt halt:

“Ohne Nebel ist ein Wald einfach nur ein Haufen Bäume, die rumstehen und nichts tun.”

Manchmal geht’s halt doch nur ums Fotografische. Übrigens: Ja, auch ich bin nicht jedes Mal derselbe, wenn ich dieselben Motive fotografiere. Es gibt dunkle Tage, es gibt helle Tage und manchmal gibt es bunte Tage.

„Nebenan“

“Nebenan” hat ja nicht unbedingt nur eine räumliche Bedeutung, auch wenn die in meinem Fall alles andere als unwichtig ist. Es ist halt deutlich einfacher, dasselbe immer wieder direkt nebenan zu fotografieren, als anderswo, irgendwo, weiter weg.

Rein fotografisch hat das viele Vorteile. Nicht nur, weil man leichter dort hinkommt, wo man fotografieren will und auch viel schneller reagieren kann, wenn man beim Blick aus dem Fenster merkt, dass es sich fotografisch lohnen könnte, sondern vor allem auch deshalb, weil die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass man sich “nebenan” einfach wirklich gut auskennt.

Gleichzeitig ist “nebenan” aber auch eine Gefühlssache. “Nebenan” fühlt sich ein bisschen an wie zu Hause. Zu Hause fühlt man sich - hoffentlich - wohl und wenn man sich wohlfühlt, entsteht eher eine emotionale Verbindung. Eine Sache, die beim Fotografieren noch nie geschadet hat. Zumindest geht es mir so.

„Du siehst ja gar nichts.“

„Doch.“

„Was denn?“

„Dass ich nichts sehe.“

„Und was soll das bringen?“

„Ich kann mir noch alles vorstellen.“

Ich mag Fotos, die Platz für eigene Gedanken lassen.