Das lief doch etwas anders, als geplant
Da bin ich wieder. Zurück aus den Alpen und zurück von der Schwäbischen Alb, die ja nicht nur als Zwischenstopp zwischen Bonn und Alpen immer wieder ganz gut ist. Genau wie beim letzten Mal Ende Mai / Anfang Juni war ich mit einem halbwegs ausgearbeiteten Plan unterwegs:
1.) Der Hitze entkommen.
2.) Ein Ziel aussuchen, das dieses Mal wirklich für Landschaftsfotos genutzt werden sollte.
3.) In kein Gewitter geraten, wenn ich irgendwo am Berg biwakiere.
4. ) Alles andere mehr oder weniger dem Zufall überlassen.
Eigentlich gar nicht so viel? Der erste Punkt war der einfachste. War zwar nicht unbedingt kühl oder gar kalt irgendwo oberhalb der Baumgrenze, aber zumindest deutlich angenehmer als im Flachland. Was ich fotografieren wollte, war mir dann auch recht schnell klar. Ich habe mir dieses Mal zwei Ziele ausgesucht, wobei ich nur eins davon machen wollte: Einmal knapp nördlich des Piz Badile auf ca. 2200m und dann rund um den Piz Surgonda in der Nähe des Julierpasses, da wäre es bis knapp über 3000m raufgegangen.
Nicht in ein Gewitter zu geraten ist im Sommer im Gebirge ja immer so eine Sache. Wenn die Wetterlage nicht wirklich komplett stabil ist, ist die Gefahr im Hochsommer einfach immer gegeben. Nicht umsonst versucht man ja möglichst früh unterwegs zu sein um nachmittags irgendwo zu sein, wo ein Gewitter möglichst egal ist. Ich war allerdings zuversichtlich, dass der eine Tag/Abend/Nacht/Morgen (30. auf 31. Juli) dahingehend sicher sein wird. Und übrigens nicht nur ich. ;)
Das “Alles andere mehr oder weniger dem Zufall überlassen” hat auch gut funktioniert und mir immerhin das eine Foto gebracht (rechts), dass den Ausflug in die Alpen fotografisch gerettet hat. Ein “kleiner” und eher unbekannter Berg (Piz Campasc) mit Weidenröschen im Abendlicht und doppeltem Regenbogen.
Zurück zum nicht zufälligen Teil des Trips: Erzähle ich doch einfach kurz die Geschichte zu meinem (nicht wirklich gemachten) Foto vom Piz Badile. Und da fällt mir ein, das ist ja jetzt schon das zweite Foto eines Berges, das ich nicht gemacht habe. Der Mont Aiguille wartet ja auch noch.
Wie dem auch sei. Vom letzten Parkplatz der “Straße” von Bondo aus ins Val Bondasca ging’s rauf, rauf und immer weiter rauf. Die Wegstrecke war eigentlich nicht arg lang, aber die Steigung deshalb nicht unbedingt weniger. Und ich habe mich schon immer wieder gefragt, wie dämlich man eigentlich sein muss, das mit dem ganzen Kamerazeug noch zu machen. Und dazu noch den ganzen Mist zum Filmen. Naja. Jedenfalls ging es immer weiter rauf. Und noch weiter. Das Wetter hat gemacht, was es machen sollte, es war stabil.
Als ich dann mittags an der Hütte (Capanna Sasc Furä) angekommen bin, habe ich den Großteil des restlichen Schlechtlichttages damit verbracht, im Schatten möglichst viel “nichts” zu tun. Irgendwann spätnachmittags habe ich dann die letzten 300 Höhenmeter in Angriff genommen, um den “perfekten” Platz zum Fotografieren und Biwakieren zu finden und dabei noch genug Zeit zu haben, um das alles ohne Stress hinzukriegen. Hat geklappt. War auch ziemlich genau an der Stelle, die ich mir vorher mit Hilfe von Karte und Luftbild ausgesucht habe. Und wow, welch Kulisse das doch war!
Die Berge dort sind sowieso beeindruckend, weil sie einfach anders aussehen, als das, was es außenrum so zu sehen gibt. Richtig schöne Granitberge. Zwar weit entfernt davon, die höchsten Berge der Alpen zu sein, aber Höhe ist eben auch nicht alles. Mit fast 3400m Höhe sind sie aber auch nicht gerade nicht hoch. Hoch genug jedenfalls für ein paar traurig vor sich hinschmelzende Gletscherreste.
Das Wetter war noch immer gut, die Sonne stand schon etwas tiefer und ich habe angefangen mir die beste Stelle für meinen Sonnenuntergang und den Sonnenaufgang am nächsten Morgen zu suchen. War ganz cool da oben an der Baumgrenze, wo es noch ein paar allerletzte Bäume gab, die sich im letzten Licht sicher auch gut gemacht hätten. Der auf dem folgenden Foto sollte mein Sonnenaufgangsbaum werden. Rechts der Kante im Foto gab’s Abendlicht, links davon Morgenlicht. Schon cool.
Der Biwakplatz war auch schnell gefunden. Wenn man da nicht all zu anspruchsvoll ist, klappt das eigentlich bei mir immer recht gut. Habe es mir gemütlich gemacht, bisschen was getrunken und gegessen (Müsliriegel) und angefangen zu überlegen wie ich meine “richtigen” Fotos dann machen werde.
Und ab da ist es dann doch irgendwie anders gelaufen, als geplant. Irgendwann war die Sonne nämlich weg. Und das nicht, weil sie irgendwo hinter ein paar Cirren verschwunden wäre, was auch nervig gewesen wäre, aber nicht direkt ein Drama, sondern weil plötzlich ein Cumulonimbus (CB) im Weg gestanden ist.
Der Blick aufs Radarbild hat mir aber erstmal Hoffnung gemacht: Das zieht nördlich durch und blitzt nicht wirklich. Wird schon werden. Und hey, es ist ja schließlich Abend, der wird sich jetzt bald wieder auflösen. Und überhaupt, das Satellitenbild zeigt auch direkt danach wieder klaren Himmel. Beim Blick ein paar Minuten später war dann plötzlich ein weiterer CB am Niederschlagsradar zu sehen. Südlich vom ersten. Der wäre dann wohl eher nicht mehr vorbeigezogen.
So schnell ändert sich die Stimmung. Nicht nur kein Licht mehr, sondern auch noch Gewittergefahr. Ich weiß zwar nicht genau, was wirklich schlimmer war, aber zumindest tut ein Blitz physisch sogar fast noch mehr weh als fehlendes Licht auf einem an sich guten Foto. Als dann auch die Blitzrate immer weiter gestiegen ist, war’s dann doch vorbei mit jeglicher Hoffnung. Ich habe meine Siebensachen gepackt, meinen Biwakplatz zurückgelassen und bin in der Dämmerung wieder zur Hütte abgestiegen.
Kam noch fast trocken dann im Dunklen dort an, das Gewitter war erst kurz nach mir richtig da und die Nacht im Massenlager der Hütte war dann gar nicht so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte. Aber so bisschen nervig war das alles schon. Und ich hatte dann auch irgendwie keine Motivation (oder eher Kraft? ;) ) mehr am nächsten Morgen nochmal raufzugehen. Was sich allerdings im Nachhinein als nicht wirklich tragisch rausgestellt hat: Es war sowieso viel zu dunstig für richtig gutes Morgenlicht. Da hat der Sommer einfach einen Nachteil gegenüber so einem richtig schön klaren Herbsttag.
Jetzt könnte man sich natürlich durchaus zurecht fragen: Wieso geht der Trottel dann eigentlich im Sommer, bei viel zu warmen Temperaturen und Gewittergefahr dort hin und nicht einfach im Herbst? Ganz einfach: Der Sonnenstand. Die nördlich unter- und aufgehende Sonne bringt dort das Licht an die richtigen Stellen. Wie dem auch sei: So ist das Dokufoto oben das einzige Bild meines eigentlich Ziels geblieben. Ein Erlebnis war es irgendwie trotzdem. Vor allem übrigens der Abstieg, der war irgendwie die Hölle. Bergauf war’s eindeutig angenehmer mit dem ganzen Gewicht am Rücken. Ich habe jetzt noch Muskelkater.
Den Rest des Trips habe ich dann wieder mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Ich habe nochmal eine Nacht am Berninapass verbracht. Sonnenuntergang gab es wieder keinen richtigen, aber immerhin ist dabei das Foto mit dem Regenbogen oben entstanden. War zwar nicht direkt bei Sonnenuntergang, aber es war nicht weit davon entfernt und schließlich hätte das mit dem Regenbogen so direkt bei Sonnenuntergang sowieso nicht geklappt.
Alles was ich für das Foto tun musste, war eine einsame Kuh ein bisschen wegschieben. Sie war recht neugierig, hat mich angemuht, ich habe ihr die Schnauze gestreichelt und sie bisschen weggeschoben. Da hat das Sprichwort wohl absolut gepasst: Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Zum Glück war’s nur die eine.
Am nächsten Morgen bin ich dann um zum Morteratschgletscher gefahren und habe wieder mal gemerkt, dass es einfach keine gute Idee ist zu fotografieren, wenn man nicht wirklich was dabei “fühlt”. Ja, die Szenerie ist hübsch und beeindruckend und an sich war das Licht gar nicht komplett falsch (auch wenn der Sonnenaufgang direkt wieder ein Reinfall war). Aber ich weiß nicht. Irgendwas fehlt mir dabei einfach.
Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass das ganze so eine Touristenhotspot ist, ob es daran liegt, dass ich weiß, wie traurig der Anblick des sterbenden Gletschers eigentlich ist oder ob es einfach daran liegt, dass die Bedingungen so waren, dass ich zu Hause nicht mal auf die Idee kommen würde, dafür die Kamera aus dem Rucksack zu holen.
Dabei ist gerade dieses Gletschervorfeld ja wirklich spannend in Sachen Vegetation und so: Einzelne Bäume, viele Felsen, Flechten, spannende Blumen. Ein ungewohnter Anblick eigentlich. Aber der Funke wollte einfach nicht überspringen. Ich glaube das sieht man dem Foto auch an?
Irgendwann dachte ich mir dann wohl, dass es das doch noch nicht ganz gewesen sein kann und habe angefangen mich nach Details umzuschauen. Das hat dann lustigerweise mehr Spaß gemacht als irgendwelche doofen, halbkitschigen Landschaftsfotos eines schmelzenden Traums zu machen. Solche Flechten auf Felsen haben einfach was. Und als ich auf der Suche nach selbigen über irgendwelche mir absolut unbekannten Falter gestolpert bin, habe ich auch die dankbar angenommen.
Nun denn. Ich könnte jetzt jammern. Habe ich glaube ich auch gemacht. Aber an sich wäre es ja auch vermessen zu glauben, dass es woanders wirklich anders laufen müsste, als hier in meiner gewohnten Umgebung. Auch da hat es nicht immer die Aufnahmebedingungen, die ich mir erwünsche. Eigentlich sogar fast nie. So gesehen, kann ich mit dem Ergebnis dieses Mal an sich auch nicht ganz unzufrieden sein. Und ich finde es irgendwie schön, dass am Ende ein Foto eines “langweiligen” Randberges der Berninagruppe zu meinem Lieblingsfoto geworden ist.
Ein Erlebnis war es auf jeden Fall. Mein neuer Rucksack hat sich bewährt. Ich kenne jetzt meine aktuellen konditionellen Grenzen. Und auch wenn ich mir direkt danach gedacht habe, dass mir sowas irgendwie auch nicht den erhofften psychischen Boost bringt, freue ich mich doch irgendwie darauf Mitte Oktober den Mont Aiguille nochmal zu probieren. Und auch der Piz Badile wird mich wohl nicht das letzte Mal gesehen haben. Muss schließlich rausfinden, ob das Foto überhaupt gut werden könnte. Oder ob meine Fantasie da mit mir durchgeht.
Szenenwechsel: Auf der Rückfahrt nach Bonn habe ich auf der Schwäbischen Alb Halt gemacht. Musste ja schließlich wissen, ob mein Podcastpartner, der Benjamin Waldmann (Link zu Instagram, weil er seine Internetseite einfach nicht pflegt!), dieses Mal Motive für mich hat, die sich wirklich fotografieren lassen. Also nicht wie die Füchse am Bau Anfang Juni, als ich auf der Rückfahrt auch dort Halt gemacht habe. Oder der Halsbandschnäpper damals. Dieses Mal hat er mir Alpenböcke versprochen. Und ich glaube inzwischen, er will mich testen. Die gab es nämlich auch nicht (mehr)!
Dann hat er mir Bergkronwicken-Widderchen versprochen. Ich wusste zwar, was Widderchen sind, was Bergkronwicken-Widderchen genau sind, allerdings nicht. Und wow, die waren wirklich da! Und sie sind auf jeden Fall schön. Und selten. Was man gar nicht glauben mag, weil dort wo sie waren, war die Hölle los. Da haben sie eindeutig eine Gemeinsamkeit mit so mancher Orchidee. Wenn’s passt, dann passt es, es passt nur fast nirgends mehr.
Hat übrigens eine Weile gedauert, bis ich das Wort “Bergkronwicken-Widderchen” richtig zusammengebracht habe. Eindeutig ein Fall, bei dem der lateinische bzw. wissenschaftliche Name einfacher ist: Zygaena fausta. Naja, fast.
Und jetzt habe ich wieder die Freude hier im noch immer viel zu heißen und vor allem viel zu trockenen Bonn zu sein und mich zu fragen: Wieso tu ich mir das eigentlich alles an? Alles vertrocknet. Von einem richtig bunten Herbst kann man sich jetzt schon verabschieden. Die Heide wird auch nicht richtig blühen. Und überhaupt, die Birke, auf der die ganzen Vögel gesessen sind, ist in meiner Abwesenheit auch zusammengebrochen.
Irgendwann wird’s hoffentlich trotzdem den nächsten dichten Nebel geben und vielleicht wirkt dann doch nicht mehr alles ganz so schlimm. Ist halt auch irgendwie ein bisschen wie ein Brett vorm Kopf.
PS.: Immerhin habe ich auf der Rückfahrt im Deutschlandfunk eine neue Band kennengelernt: The Durutti Column. Kann vor allem: “Time Present and Time Past” und “Liars” empfehlen.

